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Diesmal beim Kaffee: Repertory Grid – Orientierung im Zeitalter vernetzter Märkte
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Es gibt diese merkwürdige Schieflage unserer Zeit: Noch nie standen so viele Daten bereit, noch nie waren Märkte, Gesellschaften und Organisationen so genau vermessen – und dennoch empfinden viele Führungskräfte heute mehr Orientierungslosigkeit als früher.

Empirische Studien aus der Arbeits- und Organisationspsychologie zeigen klar, dass diese Wahrnehmung kein subjektiver Irrtum ist: Informationsfülle erzeugt nicht automatisch Sicherheit. Untersuchungen zu Decision Fatigue und kognitiver Überlastung belegen, dass Führungskräfte bei steigender Datenmenge häufiger von sinkender Urteilssicherheit, Ambiguitätsstress und wachsender „Unübersichtlichkeit“ berichten. Internationale Managementbefragungen bestätigen diesen Trend seit Jahren – die subjektive Orientierung nimmt ab, obwohl immer mehr Informationen verfügbar sind.

Komplexitäts- und Netzwerkforschung liefert dafür die Erklärung: Ereignisse verstärken sich gegenseitig, Muster entstehen im Zusammenspiel vieler Elemente, klare Ursache-Wirkungs-Ketten werden seltener. In solchen Umfeldern verändern sich die Spielregeln. Lineare Planung stößt an Grenzen, während Navigationshilfen, Mustererkennung und Bedeutungskompetenz immer wichtiger werden. Zukunftsforschung reagiert darauf, indem sie nicht versucht, Zukunft vorherzusagen, sondern Orientierung in komplexen Entscheidungslagen ermöglicht.

Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass klassische Marktforschung und datenbasierte Analysen vor allem beantworten, was Menschen tun, bevorzugen oder bewerten – und genau das bleibt unverzichtbar. Für viele Entscheidungen reicht das jedoch nicht allein aus. Wenn es darum geht zu verstehen, wie Menschen Unterschiede wahrnehmen, entlang welcher inneren Kategorien sie urteilen oder warum bestimmte Optionen anschlussfähiger erscheinen als andere, stoßen standardisierte Instrumente naturgemäß an Grenzen. Nicht, weil sie unzureichend wären, sondern weil sie für einen anderen Zweck entwickelt wurden: Vergleichbarkeit, Messbarkeit, Skalierbarkeit.

Methoden wie Repertory Grid ergänzen dieses Fundament, indem sie die Denklogik hinter den Urteilen sichtbar machen – jene Bedeutungsebenen, die Entscheidungen prägen, aber in klassischen Formaten oft unsichtbar bleiben.

Genau hier setzt Repertory Grid an.

Die Welt als selbstgebautes Raster

George A. Kellys Ansatz basiert auf einer einfachen, aber tiefen Idee: Menschen sind aktive Sinnbildner. Sie strukturieren ihre Erfahrung nicht durch isolierte Meinungen, sondern durch mentale Konstrukte – feine Bedeutungsachsen wie „zuverlässig vs. opportunistisch“ oder „nahbar vs. distanziert“. Diese Konstrukte wirken wie ein persönliches Raster, mit dem wir Situationen deuten und Entscheidungen begründen.

Die Repertory-Grid-Methode macht diese Denkachsen sichtbar. Statt Befragte in vorgegebene Antwortschablonen zu drängen, werden ihnen konkrete Vergleichssituationen vorgelegt – meist in Dreiergruppen. Die Schlüsselfrage lautet: „Welche zwei sind ähnlicher – und wodurch unterscheidet sich das dritte?“
Aus dieser kleinen Verschiebung entsteht ein Raum, in dem Menschen ihre eigenen Bedeutungsachsen formulieren. Marken oder Optionen werden plötzlich entlang feiner Unterschiede sortiert: „für mich gemacht vs. für alle“, „ehrlich vs. inszeniert“, „lebendig vs. museal“.

Das ist besonders wertvoll in Bereichen, in denen klassische Fragebögen an der Oberfläche bleiben: Markenführung, Employer Branding, Organisationsentwicklung, kulturelle Transformation, strategische Weichenstellungen.

Vom Vergleich zur Bedeutungsleiter

Die eigentliche Stärke der Methode entfaltet sich im nächsten Schritt – dem Laddering. Sobald ein Konstrukt benannt wurde, wird vertieft: „Was bedeutet das?“, „Warum ist das relevant?“, „Welche Folgen hätte das Gegenteil?“
So entstehen Bedeutungsleitern – von konkreten Merkmalen über funktionale und emotionale Konsequenzen bis hin zu zentralen Werten.

Repertory Grid verbindet damit qualitative Tiefe mit analytischer Struktur. Und es knüpft an die psychologische Entscheidungsforschung an, die zeigt, dass Menschen in komplexen Situationen nicht rein rational entscheiden, sondern mit heuristischen Abkürzungen und individuellen Frames arbeiten. Die Methode deckt diese Frames auf, ohne sie vorzugeben – und zeigt, wie Menschen sie konstruieren.

Gerade in einer Zeit, in der Bedeutung, Narrative und „Choice Architectures“ strategisch wichtiger werden, ist das ein echter Vorteil.

Grids als Karten der Komplexität

Führt man mehrere Interviews zusammen, entsteht ein Konstrukt-Raum – eine Landkarte der Denklogik einer Zielgruppe:

  • Bedeutungsachsen werden sichtbar,
  • Optionen lassen sich verorten,
  • Cluster zeigen gemeinsame Muster,
  • leere Zonen weisen auf unbesetzte Bedeutungsfelder hin.

So entsteht eine Mikro-Netzwerkkarte der Wahrnehmung – kein Abbild objektiver Marktstrukturen, sondern ein Modell der Verknüpfungen im Kopf der Zielgruppe. Manche Konstrukte wirken wie zentrale Hubs, andere sind peripher. Wer verstehen will, wo die wirklichen Hebel liegen, findet darin Orientierung.

Die Methode ist heute technisch breit anschlussfähig – von offenen Forschungstools bis zu professionellen Plattformen für Marktforschung, Organisationsentwicklung und strategische Analyse.

Marktforschung, die nicht am Menschen vorbeifragt

In der Markenführung rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie Marken als Sinnangebote funktionieren. Repertory Grid zeigt präzise, entlang welcher Bedeutungslinien Zielgruppen unterscheiden – deutlich feiner als klassische Imageprofile. Gerade bei Destinationen, Dienstleistungen oder digitalen Angeboten entscheiden diese feinen Unterschiede zwischen Relevanz und Austauschbarkeit.

In der Organisations- und HR-Entwicklung hilft die Methode, abstrakte Begriffe wie „Kultur“, „Vertrauen“ oder „Leadership“ mit Leben zu füllen. Sie zeigt, was diese Begriffe für verschiedene Gruppen tatsächlich bedeuten – und wo offizielle Strategien nicht mit der gelebten Realität übereinstimmen.

In der Strategiearbeit schließlich schafft Repertory Grid Transparenz darüber, wie Entscheider denken. Statt sich in Endlosdiskussionen zu verlieren, wird sichtbar, entlang welcher Achsen Optionen bewertet werden – und welche Alternativen wirklich anschlussfähig sind.

Der stille Mehrwert

Repertory Grid erhebt nicht den Anspruch, die eine Wahrheit zu liefern. Seine Stärke liegt darin, sichtbar zu machen, wie Menschen Bedeutung herstellen – differenziert, nachvollziehbar und frei von verzerrenden Vorgaben.

In einer Welt, in der Daten im Überfluss vorhanden sind, aber Orientierung knapp bleibt, liefert die Methode genau das, was vielen Organisationen fehlt: Zugang zu Bedeutung.

Man kann es so zusammenfassen:

Der Engpass ist heute selten der Zugang zu Daten – sondern der Zugang zu den Denklogiken, mit denen Menschen diese Daten einordnen.

Repertory Grid ist keine Wunderwaffe gegen Komplexität. Aber es stellt eine entscheidende Frage an den Anfang:

Wie konstruieren Menschen ihre Welt – und was folgt daraus für die Entscheidungen, die wir morgen treffen?